Stellungnahme des Bundesrates und Kommentar von #ProtectTheKids
07.12.2025, 18:45 Uhr: Veröffentlichung.
10.12.2025: Frage 1: Kommentar zu Fehlinformationen: Begründung vervollständigt.
12.12.2025: Fragen 2 und 4: Sprachliche Verbesserungen in der Replik zur Prävention im Bereich luftübertragbarer Krankheiten und damit verbundener Langzeit- und Spätfolgen.
18.12.2025: Replik PTK zur «Förderung von Impfungen» überarbeitet.
#ProtectTheKids (PTK) engagiert sich seit 2021 für wirkungsorientierte Massnahmen in Schule und Betreuung zum Schutz der Kinder, Jugendlichen und ihrer Familien vor Langzeit- und Spätfolgen durch Covid und andere Infektionskrankheiten, orientiert sich beim Gesundheitsschutz am Konsens der Wissenschaft und hält das Vorsorgeprinzip hoch.
Wir begrüssen die Interpellation 25.4361 zum Thema «Prävention im Bereich respiratorisch übertragbarer Krankheiten und damit verbundener Langzeit- und Spätfolgen».
Nach der Veröffentlichung der Stellungnahme des Bundesrates vom 26.11.2025 möchten wir die Gelegenheit nutzen, die Antworten des Bundesrates zu kommentieren und unsere Sicht auf die Herausforderungen im Bereich der Prävention darzulegen.
Prävention im Bereich respiratorisch übertragbarer Krankheiten und damit verbundener Langzeit- und Spätfolgen
Eingereicht von Prelicz-Huber Katharina, GRÜNE SCHWEIZ.
Eingereicht am 26.09.2025 im Nationalrat.
Frage 1
Sieht der Bundesrat Handlungsbedarf in der Aus- und Weiterbildung von Gesundheitsfachpersonen bzgl. der multisystemischen Aspekte von Covid-19, der Risiken von Langzeit- und Spätfolgen durch respiratorisch übertragbare Erkrankungen sowie der Präventionsmöglichkeiten?
Stellungnahme des Bundesrates
Die konkrete Ausgestaltung der Inhalte der Curricula liegt in der Kompetenz der Hochschulen bzw. der für die Weiterbildung zuständigen Organisationen. Im Bereich der höheren Berufsbildung und der beruflichen Grundbildung definieren die zuständigen Organisationen der Arbeitswelt (OdA) die für den Abschluss erforderlichen Kompetenzen. Die regelmässige Akkreditierung der Aus- und Weiterbildungsgänge durch den Schweizerischen Akkreditierungsrat (Ausbildung) bzw. das eidgenössische Departement des Innern (Weiterbildung) stellt sicher, dass die Curricula den Anforderungen nach Medizinalberufegesetz (MedBG; SR 811.11), Gesundheitsberufegesetz (GesBG; SR 811.21) bzw. Psychologieberufegesetz (PsyG; SR 935.81) gerecht werden, das heisst, dass sie es den Aus- bzw. Weiterzubildenden erlauben, die Ziele des jeweiligen Gesetzes zu erfüllen bzw. die Abschlusskompetenzen zu erwerben. Die aktuellen Rahmenbedingungen lassen eine adäquate Integration der genannten Themen in die Curricula bereits zu. Der Bundesrat sieht keinen zusätzlichen Handlungsbedarf.
Replik PTK
Nach der Überweisung der Motion 24.4452 (Nationale Strategie zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation von Menschen mit ME/CFS und Long Covid) an den Bundesrat braucht wohl nicht weiter vertieft zu werden, dass Betroffene grosse Probleme haben, Zugang zu geeigneter Diagnostik und evidenzbasierter Therapie zu erhalten.
«Die Geschichte von Long Covid war von Anfang an auch eine des Wegschauens.» schreibt Dr. Wolfgang Hagen in seinem Beitrag «SARS-CoV-2, COVID-19 und die Folgen» im neuen Sammelband von Frédéric Valin und Paul Schuberth über Die Verdrängte Pandemie. Hagen ist Facharzt für Innere Medizin und war Oberarzt auf einer der ersten Wiener Covid-19-Stationen.
Hagen weist darauf hin, dass Long Covid von den Betroffenen als Überbegriff für alle anhaltenden gesundheitlichen Folgen verstanden wird, die durch Covid-19 ausgelöst werden, auch wenn damit eine Vielzahl von Krankheitsbildern mit unterschiedlichen Symptomen subsumiert werden, die bei differenzierter Betrachtung verschiedene Ursachen haben. Der Umgang mit diesen heterogenen Krankheitsbildern werde dadurch erschwert, dass es für Long Covid nicht den einen Marker oder die eine pathologische Veränderung gibt und dass neben Long Covid auch alternative Begriffe wie Post-Covid-Syndrom und PASC mit unterschiedlichen Definitionen verwendet werden.
Eine Krankheit, bei der Mediziner ohne harte Fakten auskommen müssen, verleite viele dazu, sie nicht ernst zu nehmen, schreibt Hagen. Insbesondere auch deshalb, weil Betroffene mit wiederkehrenden Symptomen wie post-exertioneller Malaise (PEM) oder dysautonomen Störungen bei oberflächlicher Betrachtung oft nicht «krank ausschauen».
Neben der Verdrängung der weiterhin bestehenden Risiken trägt wohl auch die Komplexität von Long Covid dazu bei, dass die Psychologisierung der Erkrankung und die Stigmatisierung der Betroffenen so weit verbreitet sind (siehe hier und hier), obwohl die Forschung bereits nachweisen konnte, dass an Long Covid mehrere pathophysiologische Mechanismen beteiligt sind (Altmann et al., 2023; Al-Aly, Davis et al., 2024; Appleman et al., 2024): Einer Studie zufolge haben 82 % der Long-Covid-Patienten erlebt, dass ihre Erkrankung psychologisiert und mit Faktoren wie Stress oder einer schlechten mentalen Gesundheit in Verbindung gebracht wurde (Buchner et al., 2025).
Die Bevölkerung wird nach wie vor nicht korrekt darüber informiert, wie die viralen Erreger von Covid-19, Influenza, RSV, Masern und weiteren Erkrankungen übertragen werden – siehe Infektiöse Aerosole in der Luft: Fakten vs. Fehlinformationen. So behauptete kürzlich ein Infektiologe auf SRF, Aerosol-Infektionen seien bei Covid, Masern und Windpocken «zum Glück» selten. Damit wurde fälschlich impliziert, der häufige Übertragungsmodus sei die Tröpfchenübertragung im Nahbereich einer ansteckenden Person.
Die Verbreitung von Fehlinformationen zur Übertragung von SARS-CoV-2 über die Luft durch Infektiologen ebenso wie das systematische Ausblenden von Präventionsmöglichkeiten gegen Langzeit- und Spätfolgen, wenn Vertreter dieser Fachrichtung von SRF zur Einschätzung von Covid-Gesundheitsrisiken befragt werden, sind weitere klare Indizien dafür, dass in diesen Bereichen ein dringender Handlungsbedarf besteht.
Die Behauptung, dass SARS-CoV-2 hauptsächlich durch Tröpfchen (Droplets) und im Nahbereich übertragen wird, ist eine Fehlinformation. Sie war und ist leider noch immer Grundlage bzw. Rechtfertigung für irreführende Leitlinien zum Infektionsschutz, zum Beispiel «1,5 Meter Abstand genügen» oder die Verwendung von Hygienemasken statt Respiratoren (zum Beispiel FFP2 oder FFP3) in Gesundheitseinrichtungen. Darüber hinaus führt sie zu einer Unterschätzung des Risikos von Fernübertragungen in Innenräumen.
Die Forschung hat jedoch klar gezeigt, dass die Aerosolübertragung sowohl im Nahfeld als auch im Fernfeld einer ansteckenden Person durch Partikel < 5 µm dominiert wird. Diese können über längere Zeit in der Luft schweben und sich in einem Raum ausbreiten, während grössere Partikel eine untergeordnete Rolle spielen (Wang et al., 2021).
Obwohl die Tröpfchentheorie auf falschen Annahmen beruht, die schon Mitte 2021 widerlegt wurden, halten einflussreiche Infektiologen noch immer am Droplet-Dogma fest. Im Journal of Hospital Infection wurde sogar vorgeschlagen, den Term ‘Droposol’ einzuführen (Widmer et al., 2024), um die Empfehlung von Hygienemasken für Gesundheitseinrichtungen zu rechtfertigen.
Eine umfassende Studie zum Stand der Wissenschaft liefert jedoch starke Belege dafür, dass gut sitzende Respiratoren die Menge an Schadstoffen, die in die Maske eindringen, gegenüber Hygienemasken wesentlich reduzieren (Greenhalgh et al., 2024). Dies ist vor allem auf den höheren Fit-Faktor (auch Schutzfaktor genannt) von Respiratoren wie FFP2 oder FFP3 zurückzuführen (Schmitt et al., 2022).
Der Fit-Faktor ist das Verhältnis der Konzentration eines Schadstoffs ausserhalb der Maske zu der Konzentration innerhalb der Maske, gemessen bei einem Fit-Test. Messungen mit PortaCount™-Testgeräten ergeben für FFP2/3-Masken mit Kopfband je nach Gesicht einen Fit-Faktor von 300 bis 500. Bei Hygienemasken wird meist nur ein Wert von ca. 1.5 erreicht.
Der Handlungsbedarf im Bereich der medizinischen Fortbildung ergibt sich auch aus der Tatsache, dass die umfangreichen neuen Erkenntnisse aus der medizinischen Forschung zur Pathophysiologie von Covid-19 und zu den langfristigen Risiken wiederholter Infektionen mit SARS-CoV-2 noch kaum Eingang in die Informationen medizinischer Fachgesellschaften für ein breites Publikum gefunden haben.
So sind die Informationen medizinischer Fachgesellschaften zu den Covid-Risiken für Familien nicht nur schwer zugänglich, sondern auch qualitativ völlig unzureichend. Zu grossen Teilen sind sie inkonsistent, verharmlosend oder stehen im Widerspruch zum wissenschaftlichen Konsens. Dies betrifft insbesondere Informationen über den Hauptübertragungsweg, den Schutz vor Ansteckung und die Risiken von Langzeit- und Spätfolgen. Besonders problematisch ist, dass die multisystemischen Aspekte von Covid-19 auch hier grösstenteils ausgeblendet werden.
Eine Recherche, bei der das Portal swissmom einem detaillierten Faktencheck unterzogen wurde, deckte ein erschreckendes Ausmass an Fehlinformation, Verharmlosung und Informationslücken über Covid-19, Reinfektionen und Long Covid auf.
Die offensichtlichen Lücken in der medizinischen Fortbildung zu dominanten Übertragungswegen sowie zu den Langzeit- und Spätfolgen von Covid-19 und anderen Infektionskrankheiten, aber auch die desolate Lage bei den an die Bevölkerung gerichteten Informationsangeboten, untergraben die Präventionsbemühungen all jener, die sich am wissenschaftlichen Konsens orientieren und die erheblichen kurz- und langfristigen Risiken für die öffentliche Gesundheit durch Prävention verringern möchten.
Fragen 2 und 4
Wie kann die Bevölkerung zusätzlich sensibilisiert werden, wie man sich vor respiratorisch übertragbaren Krankheiten schützen kann?
Wie können im Bereich von ME/CFS und Long Covid durch gezielte Prävention und eine Informationsoffensive Folgekosten im Gesundheitswesen, in den Sozialversicherungen und in der Volkswirtschaft verhindert werden?
Stellungnahme des Bundesrates (Information über Risiken und Prävention)
Der Bundesrat misst der Information der Bevölkerung grosse Bedeutung bei und hat zu diesem Zweck zahlreiche Massnahmen getroffen. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) stellt der Bevölkerung auf seiner Website umfassende Informationen zu Hygiene- und Präventionsmassnahmen gegen Atemwegsinfektionen zur Verfügung.
Das BAG erarbeitet derzeit eine Strategie zur Überwachung und Prävention von Atemwegsinfektionen. Ziel ist es, die Zahl der Infektionen positiv zu beeinflussen, um deren Auswirkungen auf Risikopersonen und das Gesundheitssystem zu begrenzen. Es ist vorgesehen, dass die wichtige Rolle der Kommunikation auch in der künftigen Strategie behandelt wird. Spätestens seit der Covid-19-Pandemie ist der Bevölkerung bewusst, wie sie sich und andere vor respiratorischen Infektionen schützen kann. Durch die genannten Massnahmen wird die Bevölkerung jedes Jahr an die Schutzmassnahmen sowie die Möglichkeiten zur Impfung erinnert. Eine verstärkende Rolle kommt dabei jedes Jahr auch der Ärzteschaft, der Apothekerschaft und den Pflegenden zu.
Replik PTK zur Information der Bevölkerung über Risiken und Prävention
Etwas Grundsätzliches vorweg: Es ist irreführend und unredlich, Covid gegenüber der Bevölkerung als «Atemwegsinfektion», «respiratorischen Infekt» oder «grippeähnliche Erkrankung» darzustellen. Covid-19 ist eine respiratorisch übertragbare Multisystemerkrankung, die Gefässe und Nerven schädigt, stark entzündlich ist und eine lang anhaltende Dysregulation des Immunsystems auslösen kann; zusätzlich zur Neuroinflammation wurde bei Personen mit Brain Fog aufgrund von Long Covid eine Störung der Blut-Hirn-Schranke festgestellt (Al-Aly, Davis et al., 2024; Peluso et al., 2024).
SARS-CoV-2 nutzt vor allem das ACE2-Enzym an der Oberfläche von Zellen als Eintrittspforte, und weil ACE2 von zahlreichen Zell- und Gewebetypen exprimiert wird, kann sich das Virus über die Blutbahn ausbreiten, Mikrothromben verursachen, Endothel- und Nervenzellen befallen und Gewebe in nahezu allen Organsystemen infizieren. ACE2 exprimierende Zellen sind in Darm-Enterozyten, proximalen Nierentubuli, Kardiomyozyten, Fibroblasten und vaskulären glatten Muskelzellen sowie in bestimmten Endothelzellen und Perizyten, einschliesslich Zellen des Plexus choroideus, die Teile der Blut-Hirn-Schranke bilden, sehr häufig anzutreffen. Die Verteilung von ACE2 erklärt den breiten Tropismus des Virus und die zahlreichen klinischen Manifestationen von Covid (Oudit et al., 2023).
Im Gegensatz zu vielen anderen respiratorisch leicht übertragbaren Erregern kann SARS-CoV-2 aufgrund seiner multisystemischen Pathophysiologie Störungen, Langzeitfolgen (Long/Post Covid) sowie Spätfolgen (Organschäden) in nahezu allen Organsystemen verursachen. Covid-19 ist keine reine Atemwegserkrankung.
Genauso irreführend und unredlich ist es, die Bevölkerung in eine kleine Gruppe besonders gefährdeter Personen (BGP) und eine Mehrheit angeblich kaum gefährdeter Personen einzuteilen und zu suggerieren, man könne sich bei der Prävention von Langzeit- und Spätfolgen darauf beschränken, die «Auswirkungen auf Risikopersonen und das Gesundheitssystem zu begrenzen».
«Long COVID is a complex, multisystem disorder that affects nearly every organ system, including the cardiovascular system, the nervous system, the endocrine system, the immune system, the reproductive system and the gastrointestinal system. It affects people across the age spectrum (from children to older adults), people of different race and ethnicities, sex and gender, and baseline health status.» (Al-Aly, Davis et al., 2024)
Diese unterkomplexe Einteilung der Bevölkerung in zwei Gruppen hat eine Entsolidarisierung der Gesellschaft befeuert. Sie hat dazu geführt, dass die Gesundheitsrisiken jüngerer Altersgruppen seit 2022 weitgehend ignoriert und präventionsbewusste Familien völlig im Stich gelassen wurden.
Replik PTK zur Prävention im Bereich luftübertragbarer Krankheiten und damit verbundener Langzeit- und Spätfolgen
Das Abwassermonitoring der ETH und der EAWAG ist ein nützliches Werkzeug zur Überwachung luftübertragbarer Krankheiten und zur Einschätzung von Ansteckungsrisiken – allerdings ist es in der breiten Bevölkerung noch kaum bekannt.
Bemühungen zur Eindämmung luftübertragbarer Infektionen und zur Prävention damit verbundenen Folgeerkrankungen waren seit 2022 keine erkennbar. Die seither verbreitete Erzählung, «milde» Infektionen mit Omikron würden zu einer «breiten» Immunität der Bevölkerung führen, gehört jedenfalls nicht dazu.
Der Verzicht darauf, die Verbreitung von Impfmythen zu bekämpfen, sowie die Tatsache, dass die auf aktuelle Virusvarianten angepassten Covid-Impfstoffe inzwischen dem grössten Teil der Bevölkerung vorenthalten werden, tragen ebenfalls nicht dazu bei, das Risiko von Folgeerkrankungen zu reduzieren.
Ab Winter 2021/2022 wurde die für eine Eindämmung völlig unzureichende Vaccines-only-Strategie sukzessive durch eine Let-it-rip/Forever-Infections-Politik ersetzt. Auch aufgrund der immer restriktiveren Impfempfehlungen hat dies kaum noch etwas mit dem Schutz der öffentlichen Gesundheit zu tun.
Ein grosser Teil der Bevölkerung nimmt zugunsten einer kurzlebigen Immunität häufige Reinfektionen in Kauf, ohne adäquat über die Risiken von Langzeit- und Spätfolgen informiert zu werden. Eine effektive Kommunikationsstrategie zur Prävention von Folgeerkrankungen ist nicht erkennbar.
«Spätestens seit der Covid-19-Pandemie ist der Bevölkerung bewusst, wie sie sich und andere vor respiratorischen Infektionen schützen kann.»
Wenn dem so wäre, müsste ja nichts unternommen werden. Sind denn in einem voll besetzten Zug mit hustenden Mitreisenden zahlreiche Menschen mit FFP-Masken zu sehen? – Eben …
Die Verdrängung weiterhin bestehender Risiken – auch unter dem Druck, nicht aufzufallen oder als “ängstlich” zu erscheinen – hat die “Learnings” aus den ersten Pandemiejahren längst im Unterbewusstsein versenkt.
Auch in den Schulen sind kaum Fortschritte zu verzeichnen. Die wenigsten Klassenzimmer sind mit mechanischen Lüftungen ausgestattet. Anstatt die rasch umsetzbare Lösung «Lüften und Filtern» zu nutzen, favorisiert man aufwendige Gesamtsanierungen mit Lüftungsanlagen, die dann jedoch meist nicht in nützlicher Frist finanzierbar sind.
Nachdem man jahrelang die angeblichen Vorzüge einer «breiten» Immunität durch wiederholte Infektion einer “vorgeimpften Bevölkerung” (wieviele Kinder waren vorgeimpft?) mit immer neuen Omikron-Varianten propagiert hat, wäre eine Informationsstrategie zu Hygiene- und Präventionsmassnahmen, die sich auf das Erstellen von Webseiten beschränkt, nicht glaubwürdig.
Auch die Tatsache, dass sich die Schweiz bisher nicht darum bemüht hat, Kinder unter zwölf Jahren durch ein Impfangebot vor direktem Erstkontakt mit SARS-CoV-2 zu schützen, sendet die falsche Botschaft an die Bevölkerung. Ein grosser Teil der Bevölkerung hat keine Ahnung, dass SARS-CoV-2 noch immer zirkuliert – geschweige denn davon, dass es das Infektionsgeschehen jahrein jahraus dominiert und Kinder (!!!) infizieren kann.
Schliesslich ist es ja «seit der Covid-19-Pandemie» üblich, «Corona» als «Atemwegsinfektion» zu bezeichnen und die Grenzen zu den allseits beliebten «Erkältungen» zu verwischen. So erstaunt es nicht, dass die Coronapolitik der Jahre 2022–2025 zu Unkenntnis und Verdrängung der Risiken geführt hat.
«Es ist vorgesehen, dass die wichtige Rolle der Kommunikation auch in der künftigen Strategie behandelt wird.»
Es bleibt zu hoffen, dass die Bedeutung einer effektiven Kommunikation nach dem Informationsvakuum der Jahre 2022–2025 jetzt endlich erkannt wird.
Die jahrelangen Beruhigungen der Behörden, die Verharmlosung des Coronavirus und der Infektionsfolgen bei Kindern, die Informationslücken über Langzeit- und Spätfolgen sowie die Vermischung mit «Atemwegsinfektionen» haben dazu geführt, dass ein Grossteil der Bevölkerung Prävention für unnötig hält.
Fehleinschätzungen zu erkennen – geschweige denn anzuerkennen – ist schwierig. Vor allem, wenn sie schon Jahre bestehen. Ganz besonders, wenn sie den Schutz der Gesundheit betreffen. Oder die eigenen Kinder.
Die Anerkennung der schädlichen Auswirkungen der Forever-Infections-Politik auf die Prävention von Langzeit- und Spätfolgen und damit auf die öffentliche Gesundheit ist jedoch eine unabdingbare Voraussetzung für die dringend notwendigen Kurskorrekturen.
Die Informationsdefizite in der Bevölkerung sowie die seit 2022 anhaltende Vernachlässigung der Prävention können nur durch eine ehrliche, gross angelegte Informationsoffensive ausgeglichen werden. Dabei sollte Infektionsvermeidung zur Prävention von Langzeit- und Spätfolgen im Vordergrund stehen.
Ohne ehrliche Informationen zu den Risiken und schädlichen Auswirkungen von Infektionen mit SARS-CoV-2 – auch bei Kindern – werden sich diejenigen, die bereits 2021 der Meinung waren, genug zum «Ende der Pandemie» beigetragen zu haben, kaum motivieren lassen, sich und andere besser zu schützen.
Stellungnahme des Bundesrates (Förderung von Impfungen)
Ausserdem findet jeweils im November eine Woche zur Förderung der Impfung gegen Grippe, COVID-19 und das Respiratorische Synzytial (RS-)Virus statt.
Replik PTK zur «Förderung von Impfungen»
Im Factsheet Covid-19-Impfung des BAG vom 17.02.2025 wird die Covid-Impfung nur einem kleinen Teil der Bevölkerung empfohlen, insbesondere den über 65-Jährigen, Schwangeren und Personen ab 16 Jahren mit einer Vorerkrankung oder Trisomie 21.
«Anderen Personen wird keine Impfung gegen Covid-19 empfohlen, da bei Personen ohne Risikofaktoren nur ein geringes Risiko für eine schwere Erkrankung besteht.»
«Das Gesundheitspersonal kann sich gegen Covid-19 impfen lassen. Das BAG und die EKIF sprechen jedoch keine Empfehlung für diese Personengruppe aus. Aufgrund der vorbestehenden Immunität ist das Risiko einer schweren Erkrankung bei Personen ohne Risikofaktoren sehr gering.»
Abgesehen davon, dass das Impfangebot gegen SARS-CoV-2 für Familien mit schulpflichtigen Kindern regelmässig zwei Monate zu spät kommt, ist eine «Förderung von Impfungen» gegen Covid-19 nicht erkennbar.
Die Impfempfehlungen werfen zahlreiche Fragen auf:
Zwar werden die erhöhten Covid-Risiken für Schwangere und das ungeborene Kind berücksichtigt. Warum aber wird das Covid-Hospitalisierungsrisiko von ungeimpften Kleinkindern ignoriert? Dieses hat sich seit Beginn der Omikron-Periode deutlich erhöht und ist nie zurückgegangen (Wilde et al., 2024; siehe auch hier).
Laut Factsheet Covid-19-Impfung des BAG haben über 98 % der Schweizer Bevölkerung durch Impfungen und/oder Infektionen Antikörper gegen SARS-CoV-2. Wie passt diese Aussage zur Tatsache, dass Kinder unter fünf Jahren in der Schweiz keine Impfmöglichkeit gegen SARS-CoV-2 haben?
Kinder unter fünf Jahren erhalten somit höchstens einen kurzen Nestschutz, falls sich die Mutter im zweiten oder dritten Trimester impfen lässt.
Wann besinnt sich die Schweiz darauf, dass Kleinkinder und Säuglinge vor einem direkten Erstkontakt mit SARS–CoV-2 geschützt werden sollten?
Warum ist im Factsheet Covid-19-Impfung nur vom Risiko einer schweren (akuten) Erkrankung die Rede?
Zu den Risiken von Langzeit- und Spätfolgen ist uns keine wissenschaftliche Evidenz für «Personen ohne Risikofaktoren» bekannt. Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass Covid-19 selbst bei «milden» akuten Verläufen Schädigungen in verschiedensten Organsystemen verursacht und dass Infektionen in allen Altersgruppen kumulativ zu höheren Risiken von Langzeit- und Spätfolgen führen, auch bei zuvor gesunden Personen (Al-Aly, Davis et al., 2024).
Die Grundimmunisierung gegen SARS-CoV-2 wie auch eine rechtzeitige jährliche Auffrischimpfung verleiht je nach Studie und Anzahl Impfdosen einen Schutz von bis zu 70 % gegen Long/Post Covid. Eine schwedische Studie mit über 589’000 Erwachsenen zur Impfstoff-Effektivität gegen Post-Covid-19 (PCC) hat gezeigt, dass die Schutzwirkung mit jeder Impfdosis vor Erstinfektion zunahm, wobei mit einer, zwei und drei Impfdosen eine Effektivität gegen PCC von 21 %, 59 % bzw. 73 % erreicht wurde (Lundberg-Morris et al., 2023). Eine aktuelle, angepasste Covid-Impfung ermöglicht auch Kindern einen besseren Schutz vor Long/Post Covid (Razzaghi et al., 2024).
Warum wird der für alle Altersgruppen wesentliche Impfschutz gegen Long/Post Covid in den Impfempfehlungen ignoriert?
Im BAG-Bulletin 38/2024 steht: «Ab Herbst 2024 wird erwartet, dass ein varianten-angepasster Comirnaty®-Impfstoff in einer Dosierung für Kinder von ≥ 5 bis < 12 Jahren erhältlich ist.»
Wie ist diese Erwartung mit der Tatsache vereinbar, dass es 2024 und 2025 in der ganzen Schweiz eine einzige Kinderarztpraxis gab, die Kindern ab fünf Jahren Impfgelegenheiten gegen Covid-19 ermöglichte?
(PS: Dieses Impfangebot wurde von #ProtectTheKids organisiert.)
Wie passt diese Aussage zur Tatsache, dass die bisherige Nicht-Impfempfehlung für jüngere Altersgruppen zu derart niedrigen Impfquoten bei Kindern geführt hat, dass der angepasste Impfstoff (2025: Comirnaty LP.8.1) trotz Zulassung durch Swissmedic für Kinder unter 12 Jahren nicht zur Verfügung stand?
Wie gedenkt das BAG sicherzustellen, dass Kinder unter zwölf Jahren ab 2026 wieder ein Impfangebot mit einem angepassten Impfstoff erhalten? Was unternimmt das BAG, damit ein direkter Erstkontakt von Kindern unter fünf Jahren mit SARS-CoV-2 in Zukunft vermieden werden kann?
Frage 3
Was unternimmt der Bundesrat, dass in Schulen und Gesundheitseinrichtungen, die Aerosolbelastung und damit das Ansteckungsrisiko – auch betr. Grippe – durch kombiniertes Lüften und Filtern tief gehalten werden kann?
Stellungnahme des Bundesrates
Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig eine gute Belüftung von Innenräumen ist, um die Übertragung von Krankheiten einzudämmen. Das BAG hat daher Instrumente entwickelt, die diesen Aspekt in die Planung und den Bau neuer Gebäude integrieren. Für bestehende Infrastrukturen stehen den Verantwortlichen von Schulen und Gesundheitseinrichtungen verschiedene vom BAG veröffentlichte Referenzdokumente zur Verfügung, die Empfehlungen zum Einsatz von Luftfiltergeräten sowie zu Massnahmen für eine optimale Belüftung enthalten. Die Zuständigkeit für die Umsetzung dieser Empfehlungen liegt bei den Verantwortlichen der Einrichtungen sowie bei den Kantonen.
Replik PTK
Tatsächlich haben Superspreading-Ereignisse schon früh darauf hingewiesen, dass die Übertragung von SARS-CoV-2 über die Raumluft eine wichtige Rolle spielt. Spätestens Mitte 2021 war wissenschaftlich breit abgestützt, dass die Erreger von COVID-19, Influenza, RSV und weiteren Erkrankungen hauptsächlich durch Aerosole mit infektiösen Partikeln übertragen werden, die sich in der Raumluft anreichern und stundenlang schweben können. Sowohl im Nahfeld als auch im Fernfeld einer ansteckenden Person wird die Übertragung durch Partikel < 5 µm dominiert, während grössere Partikel eine untergeordnete Rolle spielen (Wang et al., 2021).
Diese Erkenntnisse führten im Jahr 2021 zur Gründung zahlreicher zivilgesellschaftlicher Organisationen, die sich seitdem für evidenzbasierten Übertragungs- und Infektionsschutz engagieren, inbesondere durch Verbesserung der völlig unzureichenden Luftqualität in Schulen (Link, Link), Gesundheitseinrichtungen und im öffentlichen Verkehr.
Der Bundesrat bezieht sich in seiner Antwort auf Webseiten des BAG zur Belüftung von Innenräumen:
- Lüftung von Gebäuden in Pandemiesituationen
- Lüftung und Lüftungsanlagen
- Schulen lüften
- Lüftung in Schulen
- Korrektes Lüften und Heizen
- Schadstoffe in der Raumluft
- Massnahmen für eine gute und gesunde Raumluft
Kombiniertes Lüften und Filtern ist besonders wirkungsvoll in Schulräumen, die (noch) nicht über eine mechanische Lüftung verfügen. Doch leider weist nur die erste dieser BAG-Webseiten kurz auf die Möglichkeit hin, Luftreinigungs- bzw. Luftfiltergeräte einzusetzen.
Aus der Aerosolwissenschaft ist seit 2021 allgemein bekannt, dass das Übertragungs- und Ansteckungsrisiko in Innenräumen durch Erhöhung der (äquivalenten) Luftwechselrate, gemessen in eACH (equivalent Air Changes per Hour), deutlich reduziert werden kann (Buonanno et al., 2022; Riediker et al. 2023).
Sowohl die Zufuhr frischer Aussenluft als auch die HEPA-Filterung der Raumluft tragen zu dieser Luftwechselrate bei. Dabei sollte der Beitrag der Aussenluft einen Mindestwert nicht unterschreiten. Die HEPA-Filterung (in mobilen Luftreinigern oder zur Filterung eines Umluftanteils) kann die Aerosolbelastung zusätzlich stark reduzieren.
Dass der nachträgliche Einbau einer mechanischen Lüftung meist nur im Rahmen einer Sanierung erfolgen kann und dass Luftfilter vom BAG weder unter «Schulen lüften» noch unter «Lüftung in Schulen» erwähnt werden, sind zwei von mehreren Gründen, weshalb Schüler*innen in manuell belüfteten Schulräumen bisher kaum von einer verbesserten Luftqualität profitieren konnten.
So wurden seit 2021 die wenigsten Schulräume mit Luftfiltern ausgerüstet – und das meist nur temporär und auf expliziten Wunsch präventionsbewusster Eltern. Dies, obwohl mobile Luftreiniger rasch und flexibel eingesetzt werden können, energiesparend sind und sich bei geeigneter Dimensionierung in ruhige Lernumgebungen integrieren lassen. Und obwohl sie gerade beim Einsatz in manuell belüfteten Schulräumen ohne Weiteres eine Verdreifachung bis Versechsfachung der äquivalenten Luftwechselrate ermöglichen und somit das Risiko der dominanten Fernübertragung (Banholzer et al., 2025) durch Reduktion der Aerosolbelastung sehr stark verringern können.
Die Webseiten des BAG zu Schadstoffen in der Luft und seine Empfehlungen zur Belüftung von Innenräumen wären durchaus nützlich, wurden jedoch in den wenigsten Schulen und Gesundheitseinrichtungen umgesetzt und werden in der breiten Bevölkerung kaum beachtet.
Die Gründe dafür liegen tiefer und erfordern eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit unbequemen Fakten aus den Jahren 2021 und 2022:
Dass sich die breite Bevölkerung kaum dafür interessiert, die Luftqualität in Innenräumen zu verbessern, liegt an widersprüchlichen Botschaften zu den Risiken und “Chancen” der Infektion. Dieser Double Bind bahnte sich schon im Sommer 2021 an, als Jugendliche trotz der Risiken für PIMS und Long Covid nur widerwillig ein Impfangebot erhielten.
Die Widersprüchlichkeit verstärkte sich im Herbst, als die Durchseuchung der Kinder herbeigeredet wurde (hier und hier) und jüngere Kinder nicht in die immer löchrigeren Schutzkonzepte einbezogen wurden («Das Covid isch für die Chind nöd gfährlich») – zu einem Zeitpunkt, als sich die Intensivstationen vermehrt mit älteren Familienmitgliedern füllten und immer mehr Long-Covid-Fälle in jüngeren Altersgruppen und bei Kindern bekannt wurden.
Dass der Bund ab Mitte 2021 seine Führungsrolle beim Infektionsschutz abgab, den Schutz vor Übertragung nicht forcierte und zuliess, dass bei den Schutzmassnahmen – insbesondere im Bereich der Schulen – ein kantonaler (teils sogar kommunaler) Flickenteppich entstand, führte im Herbst 2021 zu einem stark überdurchschnittlichen Anstieg von Infektionen bei Kindern und Jugendlichen, die auch in die Familien getragen wurden. Besonders stark betroffen waren Kinder unter zwölf Jahren, die zu dieser Zeit kein Impfangebot hatten.
Es war offensichtlich, dass die Schulen nun zu eigentlichen Corona-Drehscheiben wurden und bei der Verbreitung der Delta-Variante eine dominante Rolle spielten. Eine US-Studie zeigte wenig später für den pandemischen Zeitraum bis Oktober 2022, dass 70.4 % aller Übertragungen in Haushalten von einem Kind ausgingen und dass dieser Anteil während der Schulsessionen noch deutlich höher war (Tseng et al., 2023, Fig. 3).
Schon Anfang Januar 2022 hiess es von Seiten des Bundes und der Kantone, dass man nichts mehr gegen die sogenannte «Omikron-Wand» tun könne und nun durch diese Situation «durch müsse», zumal Omikron ja «mild» sei 1. Und danach sei es dank «Herdenimmunität» ja ausgestanden. Wenig später fand das Herbeireden der Durchseuchung im lockeren SRF-Interview (ab 4:14) seine Fortsetzung. Ohne jede Datengrundlage und mit grenzenlosem Optimismus wurde über die «Chancen» der Infektion und ihre mutmassliche Milde spekuliert. Kantone hoben weitere Schutzmassnahmen auf – sofern sie je welche hatten – und befeuerten die Durchseuchung. Die wenigsten Kinder unter zwölf Jahren konnten bis zu diesem Zeitpunkt geimpft werden.
Zu Beginn der zweiten Omikron-Welle mit BA.2 wurde der Höhepunkt der Widersprüchlichkeit erreicht. Nachdem die Bevölkerung die ersten Superinfektionswochen knapp hinter sich gebracht hatte, beschloss der Bundesrat am 16. Februar 2022 weitgehende Lockerungen – mit absehbaren Folgen: Eine massive BA.2-Welle und deutlich mehr Long-Covid-Fälle. Dabei wurden unzählige Kinder unter zwölf Jahren ungeschützt durchseucht – und mit ihnen zahlreiche Familienmitglieder und weitere Nahestehende.
Doch wie schon in den frühen Superinfektionswochen wurde auch bei den folgenden Wellen und Varianten stets auf die «Milde» von Omikron verwiesen. Mehr noch: Die Wellen wurden gar als nützlich für die Auffrischung der Immunität bezeichnet.
Vor diesem Hintergrund sollte es niemanden überraschen, dass sich in den sozialen Medien der falsche Mythos verbreitete, das Immunsystem müsse wie ein Muskel durch wiederholte Infektionen trainiert werden. Auch nicht, dass sich die breite Bevölkerung an das «neue Normal» der Forever-Infections gewöhnt hat und nach mehreren unfreiwilligen oder in Kauf genommenen Durchseuchungen nicht ohne Weiteres nachvollziehen kann, weshalb die Reduktion des Ansteckungsrisikos, Luftfilter und Massnahmen für die Belüftung jetzt plötzlich wichtig sein sollten. Oder warum die (n+1)-te Infektion zu einem Problem werden könnte, wenn die Auswirkungen der n vorausgegangenen Infektionen doch mehr oder weniger abgeklungen sind.
Zum Schluss noch dies: In der besonderen Lage wurden diverse Empfehlungen des Bundes für Schutzmassnahmen an den Schulen – darunter das repetitive Testen – in gewissen Kantonen nicht oder nur teilweise umgesetzt.
Seit Anfang 2021 ist hinlänglich bekannt, dass Luftfilter und eine verbesserte Belüftung das Ansteckungsrisiko deutlich reduzieren können. Ab Mitte 2021 hatten «Kinder schützen – jetzt!», #ProtectTheKids und weitere zivilgesellschaftliche Organisationen die Kantone, die EDK, die GDK und den Bund mehrmals angeschrieben (hier, hier, hier, hier, hier; ausserdem hier und hier) und auf den Nutzen von Luftfiltern und CO2-Messgeräten zur Reduktion des Ansteckungsrisikos hingewiesen.
Im Herbst 2022 wurden sogar sämtliche Schulgemeinden der Kantone Zürich und Tessin angeschrieben (hier und hier). Die Kantone und die Verantwortlichen der Einrichtungen hätten entsprechende Massnahmen vor Beginn des Schuljahres 2021/22 umsetzen oder zumindest bis Herbst 2021 in die Wege leiten können. Doch auch die Aufrufe und Empfehlungen der erwähnten Organisationen blieben grösstenteils unbeantwortet und unberücksichtigt.
Auch nach dem Übergang in die normale Lage wurden in den zahlreichen Schulen und Gesundheitseinrichtungen, die nicht über eine mechanische Lüftung verfügen, kaum wirksame Massnahmen ergriffen, um die Luftqualität zu verbessern und somit das Ansteckungs- bzw. Fernübertragungsrisiko in den dicht belegten Innenräumen zu reduzieren.
Und auch nach 2022 führte ein ständig erhöhtes SARS-CoV-2-Infektionsgeschehen mit durchschnittlich zwei ausgeprägten, schweizweit auftretenden Wellen, zusätzlich zu den saisonal auftretenden Grippe- und RSV-Wellen, in den Schulen zu erhöhten Krankenständen. Zudem ist davon auszugehen, dass die Rate nosokomialer Infektionen durch luftübertragbare Erreger in Gesundheitseinrichtungen immer noch deutlich zu hoch ist.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht zielführend, wenn der Bund bei der Prävention von luftübertragbaren Krankheiten und deren Langzeit- und Spätfolgen erneut lediglich Empfehlungen abgibt und deren Umsetzung den Verantwortlichen der Einrichtungen und der Kantone überlässt, ohne die Einhaltung von Mindestanforderungen zu überprüfen. In öffentlichen Innenräumen mit dichter Belegung sollte entsprechend sichergestellt werden, dass die Luftqualität dem Publikum angezeigt wird.
Daraus erschliesst sich, dass eine gesetzliche Regelung für die Luftqualität in öffentlichen Innenräumen, welche Mindestanforderungen für einen verbesserten Übertragungs- oder Infektionsschutz beinhaltet, auf Bundesebene verankert werden sollte. Dies ist umso dringlicher, als ein früherer Vorstoss zur Verbesserung der Luftqualität in Innenräumen (Postulat 22.3813) aufgrund allzu optimistischer Einschätzungen der epidemiologischen oder “endemischen” Lage und ihrer Auswirkungen auf die Gesundheitskosten 2024 noch abgelehnt wurde.
Frage 5
Beabsichtigt der Bundesrat aktuelle Inzidenzschätzungen in Auftrag zu geben?
Stellungnahme des Bundesrates
Das BAG hat verschiedene Optionen zur Erfassung von Long Covid-Fällen geprüft. Aufgrund der Vielfalt der Krankheitsbilder, des zeitlichen Verlaufs der Symptome und fehlender gesetzlicher Grundlagen ist es nicht möglich, ein verbindliches prospektives Register aufzubauen. Daher wurde beschlossen, die Daten über das Sentinella-Meldesystem zu erheben, das zur Überwachung akuter übertragbarer Krankheiten und zur Forschung in der Allgemeinmedizin dient. Von Juli 2021 bis Mai 2023 wurden monatlich Daten zur Anzahl Hausarztkonsultationen aufgrund anhaltender Folgeerscheinungen nach einer Covid-19-Infektion erhoben. Die Ergebnisse sind auf der Website des BAG zu finden. Diese Überwachung wurde unter anderem aufgrund der sehr geringen Anzahl gemeldeter Fälle eingestellt. Eine neue Inzidenzstudie ist nicht geplant.
Replik PTK
Hier bezieht sich der Bundesrat auf die Sentinella-Umfrage und den dazugehörigen Bericht zu Hausarztkonsultationen aufgrund von anhaltenden Beschwerden nach Covid-19, Stand 24.5.2023.
Dieser Bericht ist leider völlig unbrauchbar zur Beurteilung der Inzidenz von Long/Post Covid. Die Fragen, die bei der Sentinella-Umfrage gestellt wurden, werden im Bericht nicht einmal wiedergegeben!
Im Bericht geht es um Konsultationen von Patientinnen und Patienten (Pat.) wegen Beschwerden, die über zwölf Wochen andauerten, wobei bereits diese Charakterisierung ungenau ist. Bedeutet dies, dass die Beschwerden mindestens zwölf Wochen andauern mussten oder reichte es, wenn zuvor nicht vorhandene Beschwerden innerhalb von 12 Wochen auftauchten und ab 12 Wochen für eine gewisse Dauer vorhanden waren?
Laut Abbildung 1 waren nur 82–138 Ärztinnen/Ärzte (Teilnehmer) überhaupt an dieser Umfrage beteiligt. Im Mittel berichteten lediglich 43 % der Teilnehmer über Konsultationen von Pat. wegen Beschwerden, die über 12 Wochen andauerten.
Abbildung 3 ist da schon interessanter: «Werden nur die Ärztinnen und Ärzte betrachtet, welche Konsultationen wegen anhaltenden Symptomen hatten, so verzeichneten sie im Median 6,3 Pat. pro 1000 APK.» (APK = Arzt-Patienten-Kontakte)
Im Mittel berichteten somit 57 % der Sentinella-Teilnehmer von keinerlei (Null !) Pat. mit lang anhaltenden Symptomen, während bei 43 % der Befragten ein Median von 6,3 Pat. mit Langzeitfolgen pro 1000 APK herauskam, mit einer beträchtlichen Unsicherheit nach oben.
Eine derart grosse Diskrepanz bezüglich der Prävalenz lang anhaltender Symptome zwischen den Pat. dieser beiden Gruppen von Sentinella-Teilnehmern erscheint äusserst unwahrscheinlich und lässt auf gravierende methodische Mängel schliessen.
«Sehr geringe Anzahl gemeldeter Fälle»? – Man beachte in Abb. 3, dass sich weder der Median noch die Grösse des Bereichs von der 25. bis zur 75. Perzentile von August 2021 bis Mai 2023 wesentlich geändert hat.
Long Covid in der Schweiz: Geschätzte Prävalenzen und Kosten
Ende 2024 publizierte das Newsportal watson den einfühlsamen Artikel «Erschöpft und ohne Energie: Eine Betroffene erzählt, wie Long Covid sie die Jugend kostet» über den Leidensweg der heute 18-jährigen Melissa, die im November 2021 mit SARS-CoV-2 infiziert wurde und Covid-Symptome entwickelte, von denen sie sich bis heute nicht erholt hat. Melissa gehört zu den schätzungsweise 378’000 Menschen in der Schweiz, die an Long Covid leiden, darunter mindestens 18’000 Kinder und Jugendliche.
Long-Covid-Prävalenzschätzungen
Symptome neu auftretend im Zusammenhang mit einer nachgewiesenen SARS-CoV-2-Infektion; Symptome seit mindestens vier Wochen anhaltend; konservative Mindestwerte; ohne Differenzierung nach Impfstatus 2.
Geschätzte LC-Prävalenzen der angegebenen Altersgruppen, prozentual:
- Erwachsene ab 18 J, weltweit, Ende 2023 (Al-Aly, Davis et al., 2024): 5.0 %
- Kinder & Jugendliche, 3–17 J, England & Schottland, 03/2024 (ONS, PTK): 1.0 %
Geschätzte LC-Prävalenzen der angegebenen Altersgruppen, absolut:
- Erwachsene ab 20 J, Schweiz, Ende 2023: ca. 360’000 (5.0 % von 7.2 Mio. Erwachsenen)
- Kinder & Jugendliche < 20 J, Schweiz, 03/2024: ca. 18’000 (1.0 % von 1.8 Mio. K & J)
Am häufigsten betrifft Long Covid die erwerbstätige Generation. Die langwierige Erkrankung, für deren Behandlung bis heute kein einziges zugelassenes Medikament verfügbar ist, dauert oft über Jahre an und schafft nicht nur Leid, sondern auch einen riesigen volkswirtschaftlichen Schaden.
In der Studie The rising cost of Long COVID and ME/CFS in Germany verwenden Risklayer und die ME/CFS Research Foundation ein Modell, um die Prävalenz der beiden Krankheiten und die damit verbundenen Kosten zu schätzen. Besonders schwere Verläufe von Long Covid werden nicht doppelt gezählt, sondern als Fälle von ME/CFS berücksichtigt – eine schwere neuroimmunologische Erkrankung, die auch durch andere Infektionen ausgelöst werden kann.
Die Prävalenz der beiden Krankheiten wird in der Risklayer-Studie wie folgt abgeschätzt: Zuerst wird mithilfe der SARS-CoV-2-Virenlast im Abwasser die tatsächliche Zahl der Neuinfektionen mit monatlicher Auflösung geschätzt. Anschliessend wird auf Grundlage der geschätzten Neuinfektionszahlen und der aus Studien näherungsweise bekannten Long-Covid-Raten nach Infektion oder Reinfektion die Anzahl neuer Fälle von Long Covid und ME/CFS ermittelt. Schliesslich schätzt das Modell ausgehend von bestehenden und neuen Fällen die Prävalenz der beiden Erkrankungen, mit unterschiedlichen Schweregraden. Bei Long Covid berücksichtigt das Modell auch die allmähliche Genesung (mit unterschiedlichen Raten, einschliesslich der Möglichkeit, nicht zu genesen) sowie das Risiko eines Rückfalls nach einer Reinfektion.
Die Kosten umfassen einen Rückgang der Wertschöpfung und einen Anstieg der Ausgaben, insbesondere Kosten aufgrund von Arbeitsausfällen, medizinische Kosten und Ausgaben für Sozialleistungen. Wie aus dem Bericht zur Studie hervorgeht, blieben die monatlichen Kosten für Long Covid und ME/CFS in den letzten 20 Monaten auf stabilem, hohem Niveau. Für Deutschland wurden allein im Jahr 2024 Kosten von 63,1 Milliarden Euro errechnet. Für die Schweiz würde dies unter der Annahme vergleichbarer Modellparameter und eines Verhältnisses der Gesundheitsausgaben pro Kopf von 1,83 zu Deutschland (Quelle: statista.com) im Jahr 2024 Kosten in Höhe von 11,6 Milliarden Franken bzw. von 1270 Franken pro Kopf entsprechen.
Frage 6
Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz nimmt bei der Prävention eine wichtige Rolle ein. Wie kann ihre Arbeit im Bereich der Prävention von respiratorisch übertragbaren Krankheiten gestärkt werden?
Stellungnahme des Bundesrates
Die Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz hat den gesetzlichen Auftrag, Massnahmen zur Förderung der Gesundheit und zur Verhütung von Krankheiten zu initiieren, zu koordinieren und zu evaluieren. Dabei konzentriert sie ihre Arbeit auf die Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD) sowie auf die Stärkung gesundheitsförderlicher Rahmenbedingungen. Auch wenn die Stiftung nicht direkt im Bereich der Prävention von respiratorisch übertragbaren Krankheiten tätig ist, tragen ihre Aktivitäten wesentlich zu einem widerstandsfähigen Gesundheitssystem bei. Insbesondere mit der Prävention im Bereich der Gesundheitsversorgung – zum Beispiel in Arztpraxen, Spitälern oder Apotheken – unterstützt sie gesundheitsfördernde Strukturen und stärkt die Zusammenarbeit zwischen Versorgung und Prävention.
Replik PTK
Aufgrund der Tatsache, dass die Vermeidung von Krankheiten zum gesetztlichen Auftrag der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz (GFCH) gehört, stellt sich die Frage, wie sinnvoll eine durch KVG-Beiträge finanzierte Gesundheitsförderungsstrategie ist, die sich in akuten und “postakuten” Pandemiezeiten weiterhin auf die Prävention nichtübertragbarer Krankheiten (NCD) beschränkt.
Aus den Evaluationsberichten für die Jahre 2019–2024 (Schlussbericht, Kapitel 6) geht hervor, dass die GFCH bei der Umsetzung ihrer Präventionsstrategie (Bereich PGV – “Prävention in der Gesundheitsversorgung” PGV) die Auswirkungen der Coronapandemie nur im Hinblick auf Aspekte der psychischen Gesundheit und «Auswirkungen von Massnahmen» untersucht hat.
Angesichts der offensichtlichen Auswirkungen von pandemiebedingten Erkrankungen und Todesfällen auf die psychische Gesundheit von Betroffenen und Nahestehenden wäre jedoch eine ganzheitliche Sichtweise geboten – sowohl in der akuten Phase einer Pandemie als auch im weiteren Verlauf.
Dabei sind sowohl die (primären) physischen als auch die sekundären psychischen Auswirkungen von Covid-19 zu berücksichtigen – und zwar sowohl für die Betroffenen selbst als auch für Nahestehende. Dazu zählen nicht nur schwere Erkrankungen und Todesfälle, sondern auch häufige Infektionen und Reinfektionen durch Aerosolübertragung in schlecht belüfteten Innenräumen, Long/Post Covid, ME/CFS, Spätfolgen der Infektion in verschiedensten Organsystemen (siehe auch PTK-Replik zu den Fragen 2 und 4) sowie die nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 häufig auftretenden opportunistischen Folgeinfektionen.
Der einseitige Fokus auf nichtübertragbare Krankheiten und die psychische Gesundheit zeigt sich auch im Präventionsargumentarium der GFCH von Oktober 2024, in welchem die physischen Auswirkungen von Corona-Infektionen und ihre weitreichenden negativen Folgen für die öffentliche Gesundheit weiterhin ausgeblendet werden.
Dieselbe Einseitigkeit zeigt sich auch im Postulatsbericht zur psychischen Gesundheit und Covid-19 bei der Beurteilung der psychischen Belastungen, in folgenden Aspekten: …
- Im gesamten Bericht findet sich keine einzige Erwähnung von Long/Post Covid und den damit verbundenen sekundären psychischen Folgen bei Erkrankten und Nahestehenden.
- S. 11: “Bei Ausbruch der Covid-19-Pandemie im Februar 2020 und in den ersten darauffolgenden Monaten standen die Infektionszahlen und die Sorge um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Schutzmassnahmen im Zentrum der Debatten. Erste Ergebnisse von Studien, die bereits bei Ausbruch der Pandemie lanciert wurden, lenkten die Aufmerksamkeit aber bald auch auf die erhöhte psychische Belastung gewisser Bevölkerungsgruppen.”
- Diese Darstellung ist stark verzerrt. Es standen nicht nur abstrakte “Infektionszahlen” und (in Wirtschaftskreisen als schädlich dargestellte) Auswirkungen der Schutzmassnahmen im Zentrum, sondern sehr bald die virusbedingten Auswirkungen in Form von schweren Erkrankungen und Todesfällen.
- Dass die Deutschschweiz im Gegensatz zum Tessin in der ersten Welle weniger stark betroffen war, erklärt vermutlich zum Teil, weshalb die Massnahmen der ersten Welle in der Deutschschweiz in gewissen Kreisen als unverhältnismässig dargestellt wurden (Präventions-Paradox). Und weshalb die Risiken vor der zweiten Welle (Herbst 2020 bis Frühling 2021) von den Behörden massiv unterschätzt wurden.
- S. 13: “Bei einem gewissen Anteil waren aber deutliche Anzeichen psychischer Belastung erkennbar. Die Entwicklung der Belastung verlief dabei parallel zu den Pandemiewellen: Bei zunehmenden Fallzahlen und verschärften Massnahmen nahm auch die Belastung zu. Mit zunehmender Dauer der Pandemie gab es in der Bevölkerung zudem Anzeichen erhöhter Ermüdung und Erschöpfung. So war die psychische Belastung während der zweiten Welle (Herbst 2020 bis Frühling 2021) und dritten Welle (Herbst 2021 bis Frühling 2022) deutlich stärker als in der ersten Welle (Frühling 2020 bis Sommer 2020).”
- Hier wird richtigerweise darauf hingewiesen, dass die psychische Belastung während der zweiten und dritten Welle (mit weniger Schutzmassnahmen!) deutlich stärker war als in der ersten Welle (mit mehr und “verschärften” Massnahmen).
- Obwohl die physischen Auswirkungen von Covid-19 (Krankheit und Tod von Nahestehenden) in der zweiten und dritten Welle sehr hoch waren, wird suggeriert, es habe eine bedeutsame Assoziation zwischen “verschärften Massnahmen” einerseits und psychischer Belastung andererseits gegeben.
- Es irritiert, dass Krankheit und Tod von Nahestehenden als wesentliche Ursachen psychischer Belastungen nicht erwähnt werden. Das Imperial College London hat für die Schweiz errechnet, dass bis 31.12.2022 580 Kinder einen Elternteil oder einen primary care giver verloren haben. Leider wurden diese Schätzungen seither nicht mehr aktualisiert, aber mit cumulative excess mortality «Our world in data» könnte man das weiter hochrechnen. Da sind whs. nochmals 400 hinzugekommen.
- Es irritiert, dass die sekundären psychischen Auswirkungen von Covid-19 bei den Erkrankten selbst nicht erwähnt werden. Nach schwerer akuter Erkrankung und auch bei Long/Post Covid sind solche Sekundäreffekte und ihre somatischen (u.a. neuroimmunologischen) Auslöser sehr gut dokumentiert.
- S. 16: “Die Studien zeigen, dass auch die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht mit einem einheitlichen Muster auf die Krise reagierten. So erlebten sie etwa die erste Welle mit Lockdown und Schulschliessungen nicht durchwegs als negativ. Bei gewissen Jugendlichen führte diese sogar zu Verbesserungen des Wohlbefindens.”
- Hier wird suggeriert, der Shutdown und die im Vergleich zu allen umliegenden Ländern kurzen Schulschliessungen von acht Wochen Dauer seien mehrheitlich als negativ erlebt worden. Dies ist eine verzerrte Sichtweise, denn die Notwendigkeit des Shutdowns und auch der Schulschliessungen in dieser solidarischen Phase der Pandemie wurde vom grössten Teil der Bevölkerung verstanden.
- S. 16–17: Bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen wird darauf hingewiesen, dass die psychische Belastung, depressive Symptome und der Stresslevel in und nach der zweiten Welle erhöht waren. Auch hier werden Krankheit und Tod von Nahestehenden als wesentliche Ursachen psychischer Belastungen nicht erwähnt.
- Insbesondere waren/sind zahlreiche Familien von Long Covid betroffen, häufiger bei den Eltern (Ende 2023: ca. 360’000 Erwachsene) und etwas seltener bei Kindern und Jugendlichen (März 2024: ca. 18’000 Personen unter 20 Jahren).
- Ein erheblicher Teil dieser Menschen wurde durch ihre Kinder angesteckt, die in Schulen überhaupt nicht mehr geschützt wurden bzw. werden. Hier ein Bericht über eine irische 16-Jährige, die sich selber ritzt, weil ihre immunkompromittierte Mutter an COVID-19 gestorben ist und sie sich daran die Schuld gibt.
- S. 17: “Vor allem bei jungen Frauen akzentuierte sich dieses Bild: 30.4 % der jungen Frauen berichteten über mittelschwere bis schwere Depressionssymptome.”
- Hier fehlt der wichtige Hinweis darauf, dass Frauen überdurchschnittlich häufig von Long Covid betroffen sind, wofür es neuroimmunologische Erklärungen gibt.
- Dass bei Frauen stark überdurchschnittlich “Depressionssymptome” angeführt werden, deutet auf häufige Fehldiagnosen hin, bei denen sekundäre psychische Effekte von Long Covid als psychische Primärerkrankungen fehlinterpretiert werden.
- Die bei Depressionen häufig beobachtete Antriebslosigkeit ist kein typisches Merkmal von Menschen mit Long Covid. Diese müssen im Gegenteil ihren Antrieb und ihre Aktivitäten häufig drosseln, um eine post-exertionelle Malaise (PEM, eine zeitverzögerte, unverhältnismässige Verschlechterung der Symptome nach geringer körperlicher, geistiger oder emotionaler Anstrengung) zu vermeiden.
- S. 18: “Aus entwicklungspsychologischer Sicht befinden sich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in einer besonders sensiblen und prägenden Lebensphase. Zahlreiche Studien bestätigen, dass sie generell eine erhöhte Verletzlichkeit in Bezug auf ihre Fähigkeiten und Möglichkeiten, selbst- und sozialverantwortlich zu werden haben und somit auf ihre psychische Gesundheit. Beispielsweise, weil sich familiäre Risikofaktoren bei Kindern kumulieren können oder die Phase der Identitätsfindung eine anspruchsvolle Zeit ist (Amstad et al., 2022a; Amstad et al., 2022b).
Die Pandemie brachte, zusätzlich zu diesen Vulnerabilitätsfaktoren, weitere Risikofaktoren mit sich: eingeschränkte Möglichkeiten für körperliche Aktivitäten, fehlende Routinen durch Fernunterricht, Veränderungen in Schule und Ausbildung, fehlende Peer-Kontakte, die für die Sozialisation und Identitätsbildung wichtig sind, Unsicherheit über die eigene Zukunft, Sorge um die Gesundheit von Nahestehenden, belastete familiäre Systeme, verstärkte innerfamiliäre Konflikte oder häusliche Gewalt (z.B. Stadler & Walitza, 2021; Jäggi et al., 2022).”- Studien zum Thema Fernunterricht in der Covid-19-Pandemie: Siehe #1, #2 und #3.
- Positiv ist die Erwähnung der Sorge um die Gesundheit von Nahestehenden. Es irritiert jedoch auch hier, dass schwere Krankheit und Tod von Nahestehenden sowie Erkrankungen der jungen Menschen selbst – insbesondere Long Covid – als wesentliche Ursachen psychischer Belastungen nicht erwähnt werden.
Untersuchungen, die sich auf die Auswirkungen der Coronapandemie in ihrer akuten oder “postakuten” Phase konzentrieren und dabei überwiegend mentale Aspekte berücksichtigen, führen zu einer verzerrten Sichtweise, wenn sie sich bei Kindern und jungen Erwachsenen darauf beschränken, «Auswirkungen von Massnahmen» zu thematisieren.
Dabei werden pandemiebedingte Erkrankungen und Todesfälle als wesentliche Ursachen sekundärer psychischer Belastungen bei Erkrankten und Nahestehenden ausgeblendet. Darüber hinaus werden die physischen Präventions- und Schutzbedürfnisse verschiedenster Bevölkerungsgruppen missachtet, ebenso wie der Anspruch von Kindern und Jugendlichen auf besonderen Schutz ihrer Unversehrtheit (Art. 11 Abs. 1 BV). Gleichzeitig wird der Psychologisierung von Long Covid und der Stigmatisierung Betroffener Vorschub geleistet (Buchner et al., 2025).
Eine derart verzerrte Sichtweise wird der Realität mehrfach (unfreiwillig) durchseuchter Kinder, Jugendlicher und ihrer Familien in keiner Weise gerecht. Auch nicht derjenigen junger Erwachsener, die wegen Covid-19 von Krankheit oder einem Todesfall in der Familie betroffen sind.
In der “postakuten” Phase der Pandemie, also seit etwa 2023, zirkuliert SARS-CoV-2 weiterhin ganzjährlich mit einem sich laufend verändernden Mix von Varianten. Dabei verursacht es eine hohe zusätzliche Krankheitslast durch häufige Reinfektionen sowie Langzeit- und Spätfolgen – ausgerechnet dort, wo keine hohe Krankheitslast und erst recht keine Langzeit- und Spätfolgen verursacht werden sollten: in Schulen und Gesundheitseinrichtungen.
Dies hat relativ viel damit zu tun, dass «wir» seit 2022 nichts dagegen unternehmen – weder durch Verbesserung der Luftqualität in dicht belegten Klassenzimmern, noch durch adäquate Schutzmassnahmen gegen aerosolübertragene Infektionen in Gesundheitseinreichtungen.
Wie das Abwassermonitoring zeigt, werden niedrige SARS-CoV-2-Virenlasten seit 2023 kaum je erreicht, auch nicht im Sommer. Dass sich auf mittelhohem bis hohem Niveau eine Art Gleichgewicht eingestellt hat, ist keine gute Nachricht. Es ist vielmehr ein Indiz dafür, dass die Immunität nach Infektion von kurzer Dauer ist und Reinfektionen mit unterschiedlichen Varianten häufig auftreten. Darüber hinaus manifestieren sich Phasen mit überdurchschnittlicher Viruszirkulation nach wie vor in Form einer deutlich erkennbaren Übersterblichkeit.
Schon mehrmals wurde dieses Gleichgewicht gestört, und zwar aufgrund von immunflüchtigen Sprungvarianten mit einer hohen Zahl von Mutationen, die offenbar von chronisch infizierten Personen stammen. Durch Rekombination mit stärker zirkulierenden Varianten kann dann eine stark immunflüchtige Variante mit optimierter Übertragbarkeit entstehen, wie dies beispielsweise Anfang 2023 beim Übergang zur Abstammungslinie JN.1, LP.8.1, XFG … der Fall war (P-Linie, siehe Luo et al., 2025). Nachdem im November 2023 die Sprungvariante BA.3.2 (Zhang et al., 2025) aufgetaucht war, mehren sich Hinweise auf eine Optimierung der Übertragbarkeit ihrer Nachfolger, so dass BA.3.2.* (“Cicada”) nun als Anwärter für die nächste grössere Abstammungslinie (Q-Linie) gilt.
Nicht nur die durch das ungebremste Covid-Infektionsgeschehen verursachte Krankheitslast samt Long/Post Covid, ME/CFS, Spätfolgen der Infektion in verschiedensten Organsystemen und opportunistischen Folgeinfektionen, sondern auch die hohe Übertragbarkeit und Anpassungsfähigkeit von SARS-CoV-2 sowie die unvorhersehbaren Auswirkungen stark mutierter Sprungvarianten auf die Pathophysiologie weisen darauf hin, dass die aktuelle (de facto) Hochinzidenzpolitik bei SARS-CoV-2 in keiner Weise mit Gesundheitsförderung und Prävention kompatibel ist.
Zurück zu Frage 6: Wie kann die Arbeit von Gesundheitsförderung Schweiz im Bereich der Prävention von respiratorisch übertragbaren Krankheiten gestärkt werden?
Mit einer ganzheitlichen Präventionsstrategie, welche die langfristigen Auswirkungen übertragbarer Krankheiten mit einem neuen Schwerpunkt angemessen berücksichtigt, nämlich dem Ziel der Vermeidung und Eindämmung infektionsassoziierter Langzeit- und Spätfolgen, insbesondere durch Vermeidung und Eindämmung der Infektionen selbst.
Zu den wichtigsten Elementen eines solchen Schwerpunkts “Vermeidung und Eindämmung infektionsassoziierter Langzeit- und Spätfolgen (IALF)” gehören evidenzbasierte Informationsseiten und publikumswirksame Informationskampagnen.
Diese sollten auf verständliche, aber nicht übervereinfachende Weise über infektionsassoziierte Langzeitfolgen, bekannte und relevante Risiken von Spätfolgen, den Hauptübertragungsweg (bzw. die wesentlichen Übertragungswege) von Infektionskrankheiten sowie verschiedene Möglichkeiten der Vermeidung und Eindämmung von IALF informieren.
Hierzu zählen insbesondere die Verbesserung der Luftqualität in Innenräumen und die konsequente Vermeidung von aerosolübertragenen Infektionen in Gesundheitseinrichtungen. Informationsseiten zu Gesundheitsrisiken sollten sich nicht nur auf ältere und vulnerable Personen beziehen, sondern auch die Gesundheitsrisiken thematisieren, denen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene ausgesetzt sein können.
Eine Anpassung der Gesundheitsförderungsstrategie von GFCH mit einem neuen Schwerpunkt “Vermeidung und Eindämmung infektionsassoziierter Langzeit- und Spätfolgen” im Bereich der Prävention wäre ein hervorragender Beitrag zu einer Niedriginzidenzstrategie bei aerosolübertragenen Krankheiten und zur Dämpfung deren Folgekosten. Somit wäre sie auch ein geeignetes Mittel, um der jährlichen Zunahme der Krankenkassenprämien entgegenzuwirken.
Darüber hinaus würde sie wesentlich zu einer glaubwürdigeren Gesundheitspolitik des Bundes beitragen.
Fussnoten
- was selbstverständlich einen Monat nach Auftreten der ersten Fälle zweifelsfrei beurteilt werden konnte, insbesondere hinsichtlich der Langzeitfolgen #ironieoff. ↩︎
- Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass die (rechtzeitige) Impfung gegen SARS-CoV-2 das Risiko von Long/Post Covid um ca. 40–70% reduziert (Lundberg-Morris et al., 2023; Razzaghi et al., 2024), was bei der Prävalenz von Long/Post Covid zu einer entsprechenden Verteilung zwischen geimpften und ungeimpften Untergruppen führen dürfte. ↩︎
